Wirtschaftsgeographische Studie zur Mainzer IT-Branche

| Mainz

Wissenschaftliche Untersuchung der in Mainz ansässigen IT-Unternehmen und Betriebe / Geographisches Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Kooperation Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsförderung der Stadt Mainz

Regionen und Städte gewinnen im Rahmen eines massiven Standortwettbewerbs an Bedeutung. Um wettbewerbs- und zukunftsfähig zu sein, ist die Schaffung von Rahmenbedingungen essentiell, die zur Steigerung der Innovationsfähigkeit einer Region beitragen. Dies zu erreichen, ist Aufgabe von Wirtschaftsförderungseinrichtungen, die sich bei der Umsetzung dieses Ziels in den letzten Jahren verstärkt auf theoriegeleitete regionale Entwicklungskonzepte stützen.

Theoretischer Hintergrund

Bei Betrachtung der zentralen Faktoren der zu diesem Zwecke herangezogenen neueren Theorien, welche Erklärungen für die hohe Innovationsfähigkeit von Regionen zu geben versuchen, fällt auf, dass sich im Gegensatz zu früheren Ansätzen der Fokus von "harten" Standortfaktoren hin zu "weichen" verschoben hat.

Im Vordergrund stehen heute Netzwerke, Kooperationen und (Wissens-)Austausch zwischen wirtschaftlich relevanten, regionalen Akteuren. So wird neuerdings davon ausgegangen, dass "face-to-face"-Kontakte - insbesondere im Rahmen der Kooperation von regionalen Unternehmen/Institutionen bzw. wirtschaftlich relevanten Akteuren - von großer Bedeutung sind, da hierdurch der Informations- und Wissensfluss erhöht wird. Folge: steigende Innovationstätigkeit, wachsende Wettbewerbsfähigkeit.

Wirtschaftsförderungseinrichtungen versuchen diese Konzepte zumeist auf eine bestimmte Branche anzuwenden, die in einer Region als wichtiger, zukunftsfähiger Wirtschaftszweig betrachtet wird (z.B. IT, Gesundheit, Medien).

Vorhaben

Vor diesem Hintergrund entstand im Jahre 2008/2009 eine Magisterarbeit am Geographischen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, die sich mit der Mainzer IT-Branche beschäftigt.

Die IT-Branche gilt als Wachstumsbranche und hat sich in Mainz seit Mitte der 1990er zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig entwickelt. In den letzten Jahren stieg die Zahl der Unternehmen der IT-Branche im Mainzer Raum erheblich an, so dass mittlerweile von über 600 IT-Unternehmen ausgegangen werden kann. Hierdurch entstehen für Mainz erhebliche Beschäftigungs- und Wachstumseffekte. Die Förderung der Branche erscheint daher als zweckmäßig und als bedeutend für die Etablierung der Stadt Mainz als attraktivem IT-Standort.

Leitfragen

Ziel war eine Bestandsaufnahme der in Mainz ansässigen IT-Unternehmen und Betriebe mittels einer Online-Unternehmensbefragung. Die Untersuchung der in Mainz ansässigen IT-Unternehmen und Betriebe dient als Grundlagenforschung für das von der Wirtschaftsförderung initiierte Branchentreffen "IT-Forum".

  • Durch die Unternehmensbefragung werden einerseits Informationen zur Struktur der Mainzer IT-Branche gewonnen; ein besonderer Fokus liegt zugleich auf der Frage, in welchem Maße Netzwerkstrukturen etwa in Form von Kooperationen (insbesondere innerhalb von Mainz) ausgeprägt sind und in welchem Rahmen eine stärkere Vernetzung von Seiten der Unternehmen und Betriebe gewünscht wird. Zum anderen wird eine Bewertung der Standortfaktoren der Stadt Mainz aus Sicht der IT-Unternehmen vorgenommen.
  • In einem zweiten Schritt wurde eruiert, wie Netzwerke und Kooperationen seitens der Wirtschaftsförderung unterstützt werden können. Die Ergebnisse helfen der Wirtschaftsförderung, ein genaueres Bild über die IT-Branche in Mainz zu erhalten, Bedürfnisse zu erkennen und weitere Maßnahmen zu ergreifen, um die Stadt für IT-Unternehmen attraktiver zu gestalten, das Mainzer Image als IT-Standort zu stärken und sich im Wettbewerb zu positionieren.

Untersuchungsdesign - Vorgehensweise

Angeschrieben wurden 331 reine IT-Unternehmen. Ungültige Adressen verringerten die Anzahl der teilnehmenden Unternehmen auf 299. An der Befragung nahmen 62 Unternehmen teil, dies entspricht der erwarteten Rücklaufquote von etwa 20%. Die Stichprobe kann damit dem Anspruch von Repräsentativität zwar nicht genügen, liefert aber wichtige Informationen zur Struktur und Entwicklung und zeigt Problem der Mainzer IT-Branche auf. Um die Anonymität gewährleisten zu können und Mehrfachteilnahmen auszuschließen, wurde eine TAN-basierte Lösung gewählt.

Ergebnisse

Struktur

Gründungs- und Ansiedlungsjahr der Unternehmen

70% der Unternehmen ließen sich erst seit dem Jahr 2000 in Mainz nieder. In den letzten 15 Jahren wurden 84% der in Mainz ansässigen Betriebe erst gegründet. Es handelt sich damit um eine junge Branche (n=61).

Mitarbeiterzahlen der IT-Unternehmen am Standort Mainz

  • Über die Hälfte der Befragten hat eine Mitarbeiterzahl von unter fünf (33). Acht Unternehmen (13%) haben zwischen fünf und zehn Mitarbeiter. Fast ein Fünftel (13 Unternehmen) der Unternehmen gibt an, 11-25 Mitarbeiter zu beschäftigen.
  • 88% (54 Unternehmen) führen maximal 25 Mitarbeiter. 26 bis 500 Mitarbeiter beschäftigen nur sieben Unternehmen. Kleine und Kleinstunternehmen dominieren deutlich. (n=61)

Jahresumsätze der Mainzer Unternehmen im Jahre 2008 in €

  • Es gibt Schwerpunkte von 100.000 € bis 500.000 € sowie von 1 Mio € bis 10 Mio € Jahresumsatz, den jeweils ein Viertel der Unternehmen (15 Unternehmen) im Jahr 2008 am Standort Mainz erwirtschafteten.
  • Unter 50.000 € setzten lediglich neun Befragte (15%) um, zwischen 50.000 und 100.000 € acht (13%).
  • Einen Umsatz von 500.000 bis 1.000.000 € machten sechs Unternehmen (10 %), während nur ein Unternehmen über 10.000.000 € umsetzte.
  • Sieben Firmen (12%) äußerten sich nicht zum Umsatz (n=61).

Unternehmensartt / Eigenschaften der befragten Unternehmen

  • Fast drei Viertel der Unternehmen führen ihren Hauptsitz in Mainz (43). Dies bedeutet wirtschaftliche Vorteile für Mainz, gleichzeitig ist die Standortbindung bei Hauptsitzen höher.
  • Ein Viertel sind Einzelbetriebe (15 Unternehmen); lediglich drei Befragte (rund 5%) gaben an, dass es sich um Zweigunternehmen handelt. Der Hauptsitz befindet sich in allen Fällen in Deutschland: Overath, Stuttgart, Wiesbaden. (n=61).

Tätigkeitsbereiche

  • Bei Betrachtung der Tätigkeitsbereiche der Mainzer IT-Branche sind deutliche Schwerpunkte in Dienstleistung und Software zu finden, die sich auch bundesweit als boomende Sektoren darstellen. So geben fast alle Firmen an, "Dienstleistung" anzubieten; rund drei Viertel der Unternehmen sind zudem im Bereich "Software" tätig. Der Tätigkeitsbereich "Hardware" liegt demgegenüber mit einem (26% = 16 Unternehmen) deutlich zurück (n=62).

Räumliche Verflechtungen

Kooperationen

  • Bei der Untersuchung bestehender Kooperationen der IT-Unternehmen zeigt sich, dass grundsätzlich Kooperationen mit anderen Unternehmen im Gegensatz zur Zusammenarbeit mit Institutionen, Einrichtungen oder Organisationen dominieren.
  • Bei der Kooperationen mit anderen Unternehmen überwiegen solche mit Unternehmen der gleichen Branche deutlich.
  • Beim Betrachten der Zusammenarbeit mit Institutionen, Einrichtungen bzw. Organisationen liegt eine solche mit Hochschulen eindeutig vorn, was im Sinne der geforderten Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft sehr positiv zu bewerten ist.
  • Bezüglich der Verortung der Vernetzungen liegt Mainz, was die Anzahl an Kooperationspartnern betrifft, häufig etwas hinter dem übrigen, wirtschaftsstarken und an IT-Unternehmen reichen Rhein-Mein-Gebiet und der übrigen BRD zurück. Innerhalb von Mainz bestehen viele Kooperationen mit Universität und Fachhochschule sowie der IHK bzw. Handwerkskammer. Auch hinsichtlich der Zusammenarbeit mit Unternehmen der gleichen Branche sowie anderer Branchen sind in verstärktem Maße Verflechtungsbeziehungen innerhalb von Mainz verortet.

Zulieferer und Kunden

  • Auch durch Zulieferer- und Kundenbeziehungen können wichtige Impulse bezüglich der Innovationstätigkeit erfolgen. Deshalb ist es wichtig, dass solche in hohem Maße in räumlicher Nähe zu den Unternehmen, bestenfalls in der gleichen Stadt, angesiedelt sind.
  • Die Bewertung des Faktors "Nähe zu Zulieferern" zeigt, dass die Zulieferer in Mainz offensichtlich nicht ausreichend vorhanden sind.
  • Trotz der Verteilung vieler Kunden innerhalb der übrigen Republik stellt sowohl das übrige Rhein-Main-Gebiet als auch die Stadt Mainz selbst und das übrige RLP einen guten Absatzmarkt für die Mainzer IT-Unternehmen dar.

Wünschenswerte Kontakte

  • Beim Betrachten der gewünschten oder bereits vorhandenen Kontakte, die von den Befragten als wichtig empfunden werden, zeigt sich, dass hauptsächlich Kontakte zu Unternehmen der gleichen Branche, Hochschulen sowie Unternehmen anderer Branchen als wichtig erachtet werden, gefolgt von Unternehmensvereinigungen. Diese Informationen können der Wirtschaftsförderung als wichtige Anhaltspunkte dienen, zu welchen Akteuren sie im Rahmen der IT-Foren Kontakt herstellen sollten.

Standort Mainz

Standortfaktoren

  • Beste Bewertung bei Standortfaktoren: Image der Stadt, Standortfaktor Wohnen und Wohnumfeld. Auch mit den Freizeitmöglichkeiten, dem Kulturangebot und der Attraktivität der Stadt sowie der verkehrstechnischen Infrastruktur ist über die Hälfte der Befragten sehr zufrieden. "Weiche" Standortfaktoren dominieren unter den am besten bewerteten.
  • Eine ebenfalls gute Bewertung, mit positiven Zustimmungen von 40-50% aller Befragten erhielten Standortfaktoren wie die kommunikationstechnische Infrastruktur, Bildung, Nähe zu Abnehmern sowie das Image und Erscheinungsbild des engeren Betriebsstandortes sowie die Umweltqualität.
  • Außerdem wurden das Angebot an Schulen und Ausbildungseinrichtungen sowie die Nähe zu Transferstellen und Bildungseinrichtungen überwiegend positiv bewertet.
  • 30-40% bewerten das Angebot an Büro- und Gewerbeflächen als eher gut.
  • Die Verfügbarkeit von qualifizierten Arbeitskräften wird trotz Universität und FH in der Stadt Mainz als "mittelmäßig" bewertet. Lediglich 20-30% der Befragten bewerten sie als "eher gut".
  • Auch die Kooperationsmöglichkeiten mit anderen Unternehmen empfinden die Befragten als verbesserungswürdig. Eine Optimierung dürfte sich durch die Initiativen des "IT-Forums" ergeben.
  • Die Nähe zu Abnehmern wird eher als gut empfunden, die Nähe zu Zulieferern schlechter eingeschätzt. Auch hinsichtlich der Verortung der Zulieferer wird deutlich, dass Mainz diesbezüglich eine nachgeordnete Rolle spielt.
  • 10-20% der Unternehmen bewerten den Branchenkontakt (Netzwerke/Unternehmertreffen) als eher gut. Diese Aussage weist deutlich auf die Notwendigkeit hin, in diesem Bereich aktiv zu werden, wobei die Wirtschaftsförderung einen wichtigen Beitrag leisten kann, die Bereitschaft der Akteure zur Vernetzung und Teilnahme an entsprechenden Veranstaltungen aber entscheidend ist.
  • Weniger positiv sehen die Befragten das wirtschaftspolitische Klima im gesamten Bundesland. Probleme ergeben sich wohl auch durch die Höhe der Lohnkosten für Fachkräfte.
  • Die kommunalen Steuern und Abgaben werden überwiegend als "zu hoch" beurteilt.

Künftige Entwicklung

  • Die Annahme, dass es sich bei der IT-Branche auch innerhalb von Mainz um eine Wachstumsbranche mit besonderen Potentialen handelt, wird durch die positiven Zukunftsaussichten, die von Seiten der Unternehmen geäußert wurden, bestätigt.
  • Sowohl die für die kommenden fünf Jahren erwartete Mitarbeiter- und Umsatzentwicklung als auch für die Entwicklung der Gesamtbranche in Mainz werden in den nächsten fünf Jahren Steigerungen erwartet. Die Tatsache, dass es sich bei einem Großteil der Unternehmen (70%) in Mainz um den Hauptsitz handelt, stützt die Erwartungshaltung.
  • Die IT-Branche stellt in Mainz einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar, der auch künftig hohes Entwicklungspotential birgt. Mit der gut ausgebauten bildungs- und verkehrstechnischen Infrastruktur ist der Standort Mainz, der von Seiten der Unternehmen hinsichtlich seiner Standortfaktoren überwiegend positiv beurteilt wurde, gut aufgestellt.

Das IT-Forum

Statements: Erwartungen & Wünsche in Bezug auf das IT-Forum

  • "Stärkung des Standortes Mainz und ansässiger Betriebe: Veranstaltungen, die diese Betriebe zu Wort kommen lassen"
  • "Präsentation regionaler Leistungsschwerpunkte durch das Kennenlernen möglicher Kooperationspartner"
  • "Eine maximale praxisorientierte Ausrichtung."
  • "Berichte aus der Forschung und Entwicklung."
  • "Aufbau und Pflege eines tragfähigen Netzwerkes von Unternehmen und Dienstleistern aus der IT-Branche"
  • "Möglichkeiten der Kooperation, Förderung für Jungunternehmer, bessere Büro-Standorte wie auch Technologiepark / ThinkCenter"
  • "Klare Zielsetzung, klare Abgrenzung zu kommerziell/vertrieblich ausgerichteten Netzwerken."

Bereiche, in denen sich die Unternehmen einen stärkeren Austausch wünschen (Auszüge)

  • "Auf Geschäftsführungsebene"
  • "Im Bereich kleine und mittlere IT-Firmen, die IT-Beratung und IT-Dienstleistungen anbieten."
  • "Fortbildung/Ausbildung"
  • "Beratungsunternehmen"
  • "IT-Forensik, IT-Sicherheit"
  • "SW-Entwicklung, Netzwerk-Kommunikation, Anwendungen bei der Überwachung von Objekten aller Art."
  • "Förderprojekte der öffentlichen Hand zu Kooperation in Marktnischen"
  • "IT-Consulting"
  • "Austausch über andere Unternehmen, die IT-Lösungen brauchen."
  • "Kontakte: Erfahrungsaustausch, Kooperationspartner, Aufträge, Investoren"
  • Kommunikations- und Sicherheitstechnologie und die Einbindung dieser Technologien und Systeme in die IT-Welt der Kunden für gemeinsame Marketing-/Vertriebsaktionen"
  • "Informationsaustausch mit Unternehmen der Branche"

Hieraus folgt: Mit Initiierung des Branchentreffs und einer Datenbank im Rahmen des IT-Forums hat die Wirtschaftsförderung bereits entscheidende Schritte auf dem Weg zur Förderung der Kooperations- und Kommunikationsnetzwerke geleistet, um durch eine erhöhte Interaktion und die Bündelung von Kompetenzen einer Vielzahl von Akteuren die Bildung innovationsorientierter Verflechtungen voranzutreiben. Es wird künftig von großer Bedeutung sein, die Bekanntheit und Nutzung des IT-Forums zu steigern, um die von der Wirtschaftsförderung erhofften Effekte zu erzielen.

Fazit:

Hinsichtlich des Ausmaßes an Kooperation innerhalb der Mainzer IT-Branche und zwischen den IT-Unternehmen und anderen wirtschaftlich relevanten Akteuren innerhalb von Mainz sind bereits Ansatzpunkte einer Vernetzung sichtbar.

Die Netzwerkentwicklung steht noch am Anfang und ist ausbaufähig, eine weitere Verbesserung des Erfahrungs-austauschs und des Informationsflusses ist notwendig. Ebenso wie das IT-Forum noch jung ist und sich weiter etablieren muss, handelt es sich auch bei der IT-Branche um einen jungen Sektor, bei dem es einige Zeit dauern kann, bis sich starke Netzwerke bilden, in denen die Akteure sich so weit vertrauen, dass innovationsrelevante Informationen ausgetauscht werden.

Das Bewusstsein und die Motivation der Akteure, sich zu vernetzen, ist mit Blick auf die Befragungsergebnisse gegeben und in Verbindung mit dem IT-Forum als gute Voraussetzung für eine Etablierung der IT-Branche in Mainz zu werten.

Quelle: Pressemeldung Stadt Mainz

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