Posted on 2. Jul 2018 in Familie | Keine Kommentare

Ahnenforschung ist ein Hobby, das durch das Internet sehr viel beliebter geworden ist und ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Forscher haben jetzt den größten Stammbaum der Welt präsentiert, der mehr als 13 Millionen Menschen umfasst.

Haben Sie schon einmal einen Stammbaum erstellt?

Es liegt in der Natur des Menschen, sich für seine Vorfahren zu interessieren. Früher diente die Ahnentafel in erster Linie dem Nachweis einer eventuell edlen Abstammung. Ein Eintrag auf dem Ahnenblatt konnte darüber entscheiden, ob jemand zum König wurde oder nicht. Doch auch für Normalbürger ist die Ahnentafel heute mehr als nur ein Blick auf Generationen von Verwandten.

Die Frage, woher wir kommen und wohin wir gehen, lässt sich mit einem sorgfältig erstellten Familienstammbaum viel besser beantworten. Besonders dann, wenn es um ungeklärte Familiengeschichte geht, birgt die Ahnenforschung die Möglichkeit, ein Fenster zur Vergangenheit zu öffnen. Wer sich jedoch zum ersten Mal damit befasst, sein eigenes Ahnenblatt zu erstellen, stößt in der Regel schnell an offensichtliche Grenzen. Natürlich hat man die Verwandtschaftsbeziehungen der eigenen Generation und der Eltern bzw. Großeltern so weit im Kopf, dass der Anfang schnell gemacht ist. Schwierig wird es, wenn niemand mehr lebt, den man nach Einzelheiten fragen kann. Wie war das mit dem Bruder der Großmutter, der nach Amerika ausgewandert ist? Oder wer war dieser Onkel, von dem alle immer auf Familienfeiern sprachen?

Oftmals fehlen Unterlagen, die über die eigenen, eng begrenzten Familienstammbücher hinausgehen. Mehr als zwei oder drei Generationen lassen sich viele Familien nicht mehr ohne Weiteres zurückverfolgen, was natürlich auch an der bewegten Geschichte des 20. Jahrhunderts liegt. Zwei Weltkriege, Flucht und Vertreibung oder schlicht der Verlust von Hab und Gut in Bombennächten haben viele private Unterlagen, Fotos und Aufzeichnungen zerstört. Amtlichen Registern erging es oft nicht besser. Manchmal lässt sich eine Abstammungstafel anhand kirchlicher Aufzeichnungen zu Eheschließung, Taufen und Beerdigungen erstellen. Doch nicht alle Lücken können auf diese Weise geschlossen werden, so dass manches Schicksal der Vorfahren in den Sternen steht.

Vor etwa zwanzig Jahren brachte das Internet dann neue Möglichkeiten. Wie üblich hinkt man in Deutschland bei der Digitalisierung von standesamtlichen Daten hinterher, doch inzwischen lassen sich auch hierzulande viele Datenbanken nutzen, um eine Ahnentafel zu erstellen. (#01)

Vor etwa zwanzig Jahren brachte das Internet dann neue Möglichkeiten. Wie üblich hinkt man in Deutschland bei der Digitalisierung von standesamtlichen Daten hinterher, doch inzwischen lassen sich auch hierzulande viele Datenbanken nutzen, um eine Ahnentafel zu erstellen. (#01)

Die Stammbaum-Revolution aus dem Internet

Vor etwa zwanzig Jahren brachte das Internet dann neue Möglichkeiten. Wie üblich hinkt man in Deutschland bei der Digitalisierung von standesamtlichen Daten hinterher, doch inzwischen lassen sich auch hierzulande viele Datenbanken nutzen, um eine Ahnentafel zu erstellen. Angefangen hat dieser Trend zur Ahnenforschung im Internet aber in den USA. Dort ist bereits ein Großteil relevanter Daten im Internet verfügbar. Das kann auch für manchen Deutschen interessant sein, denn in den letzten 150 Jahren sind schließlich viele Auswanderer aus der alten Heimat in die USA gezogen, um dort nach den Sternen zu greifen (so wie übrigens auch der Großvater von Donald Trump).

Obwohl in jener Zeit Unterlagen selten lückenlos geführt wurden, waren Auswanderer an den großen Häfen Europas in der Regel in Passagierlisten registriert. Bei Ankunft in Amerika mussten alle Einwanderer ebenfalls registriert werden. Diese Daten sind heute noch vorhanden und vor allem weitgehend frei zugänglich über das Internet. Schwierig wurde es immer dann, wenn die Auswanderer falsche Namen und Herkunftsorte angaben. Die Gründe dafür waren vielfältiger Natur. Manche hatten etwas zu verbergen, weil sie von den Behörden in ihren europäischen Stammländern gesucht wurden oder einfach nicht mehr im Familienstammbaum auftauchen wollten. Außerdem wurden viele europäische Namen von den amerikanischen Behörden in die englische Sprache überführt, so dass aus einem Johann Schmidt schnell ein John Smith wurde.

Anders als etwa in Deutschland üblich, gab und gibt es in den USA keine Einwohnermeldeämter im herkömmlichen Sinn und man muss sich dort auch nirgendwo anmelden. Trotzdem ist der Fundus an Daten von Kirchen, Firmen, Grundbüchern, Zeitungsarchiven und anderen Quellen im Internet oft ein guter Ansatz, um den eigenen Stammbaum zu komplettieren. Portale wie ancestry.com bieten ihren Mitgliedern (inzwischen auch in Deutschland) die Möglichkeit, einen digitalen Familienstammbaum anzulegen. Dazu gibt es Zugriff auf viele Recherchemöglichkeiten und Datenbanken, um Vorfahren zu identifizieren und die Abstammungstafel zu komplettieren.

Ein wichtiger Vorteil des Internets kommt ebenfalls zur Geltung: So, wie man sich auf Social Media-Plattformen mit Menschen vernetzt und oft erstaunt darüber ist, welche freundschaftlichen und manchmal verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Leuten bestehen, die man bisher nicht miteinander in Zusammenhang gebracht hätte, kann man sich auf solchen Portalen mit anderen Ahnenforschern vernetzen. Dadurch entsteht nicht nur der eigene Familienstammbaum, sondern Verknüpfungen mit den Ahnentafeln anderer Menschen. Neue Verwandtschaftsbeziehungen werden offenbart, die man vorher gar nicht für möglich hielt. Insbesondere bei Familien mit Auswanderern ist das Potenzial sehr groß.

Video: Weltstammbaum: Ist jeder mit jedem verwandt? – Clixoom Science & Fiction

Den eigenen Stammbaum mit anderen vernetzen

In Deutschland hängt man bei dieser Entwicklung noch etwas hinterher. Außerdem kommt (zumindest bei Datensätzen neueren Datums) natürlich auch immer der Aspekt des Datenschutzes hinzu. Deswegen ist es hierzulande nicht ganz so einfach, einen Familienstammbaum mithilfe des Internets zu erstellen. Immerhin tut sich jedoch einiges und Ahnenforschungsportale gründen hier ihre eigenen Ableger, über die man wiederum Zugriff auf die Datenbanken anderer Länder bekommt. Aber hinter jedem Stammbaum verbirgt sich natürlich noch mehr als nur die einfache Auflistung von Verwandtschaftsbeziehungen.

In den Personenprofilen können oft viele ergänzende Informationen zu den einzelnen Personen untergebracht werden. Fotos, Videos, alte Briefe und Andekdoten, die von Nachkommen aufgeschrieben wurden, machen aus dem Familienstammbaum ein vielschichtiges Gebilde mit einer unglaublichen Tiefe. Ebenso unglaublich ist das Potenzial für die Vernetzung. Wenn man beispielsweise weiß, dass ein Großteil der weißen Einwandererfamilien in den USA in irgendeiner Weise auf die Nachkommen der berühmten Mayflower zurückgeführt werden kann, ergeben sich mathematisch gigantische Zahlen an Verwandtschaften, von denen man bisher vielleicht keine Ahnung hatte. Das Spannende dabei ist, dass man viele dieser Verwandten tatsächlich über den Stammbaum klar zuordnen und identifizieren kann.

Diese Möglichkeit machten sich nun auch Forscher der Columbia University in New York zunutze und haben den vermutlich größten Stammbaum der Welt erstellt. Aufgrund der erwähnten Möglichkeiten zur Recherche und verfügbaren Daten umfasst dieser vor allem Menschen aus Nordamerika und Europa, die über die vergangenen 500 Jahre hinweg in irgendeiner Weise miteinander verwandtschaftlich verbunden sind. Dazu sichteten die Forscher mehr als 86 Millionen Profile von Personen, die in privaten Stammbäumen existieren und im Netz verfügbar sind. Im Ergebnis erstellten sie einen gigantischen Super-Stammbaum, der mehr als 13 Millionen Menschen miteinander verknüpft. Unterschiedlichste Herkunft, Religionen, Hautfarben und allen anderen denkbaren Facetten werden dabei abgebildet. Bei einer derart großen „Familie“ wird deutlich, dass letztlich so gut wie jeder Mensch irgendwie um (wenn auch zahlreiche) Ecken mit fast jedem anderen verwandt sein dürfte. Migrationen, Auswanderungswellen und Kriege beeinflussen dabei fast jeden Stammbaum.

Aus Forschersicht ist zudem interessant, dass man den Verlauf der geschichtlichen Ereignisse an der Beschaffenheit von Stammbaum und Verknüpfungen nachvollziehen kann. (#02)

Aus Forschersicht ist zudem interessant, dass man den Verlauf der geschichtlichen Ereignisse an der Beschaffenheit von Stammbaum und Verknüpfungen nachvollziehen kann. (#02)

Wer mit wem? Stammbaum trifft auf Genanalyse

Aus Forschersicht ist zudem interessant, dass man den Verlauf der geschichtlichen Ereignisse an der Beschaffenheit von Stammbaum und Verknüpfungen nachvollziehen kann. Während beispielsweise vor Erfindung der Eisenbahn im näheren Umfeld geheiratet wurde, änderte sich dies mit dem Zuwachs an Mobilität – wenngleich nicht über Nacht. Vor allem die Besiedelung des nordamerikanischen Kontinents und Verschiebungen bei Populationen in Europa lassen sich besonders gut im Stammbaum nachvollziehen.

Die Studie geht außerdem auf Fragen nach der Bedeutung von Genen bei der Langlebigkeit ein und kommt zu dem Schluss, dass diese nur etwa zu 16 Prozent über ein langes Leben entscheiden – statistisch wurde bisher ein Wert von bis zu 30 Prozent als wahrscheinlich angesehen. Und hier zeigt sich eine weitere bahnbrechende Möglichkeit, die es früher nicht gab: Viele der Ahnenforschungsportale bieten mittlerweile genetische Analysen an. Gegen eine gewisse Gebühr kann man auf diese Weise bestimmen lassen, welchen Anteil welche Bevölkerungsgruppe am eigenen Familienstammbaum hat. So sind viele Menschen überrascht, wenn sie plötzlich feststellen, dass im alten Stammbaum nie die Rede von den unehelichen Nachkommen einer lateinamerikanischen Seitenlinie oder afrikanischer Sklaven war.

Zwar lassen sich damit nicht zwangsläufig handfeste Abstammungen ermitteln, denn dafür wird die genetische Unschärfe nach einigen Generationen schnell zu groß; doch wer glaubt, blonde und blauäugige Menschen aus Nordeuropa könnten keinen Stammbaum haben, in dem auch Menschen aus Schwarzafrika vertreten sind, entdeckt neue Perspektiven. Klar ist, dass der eigene Stammbaum heute mehr ist als nur ein Projekt über den eitlen Nachweis der eigenen Abstammung. Er kann vielmehr Bestandteil sein im Bestreben, eine umfassende historische Verbindung zwischen allen Menschen der Weltgeschichte zu erstellen – und diese Entwicklung hat eben erst begonnen.


Bildnachweis:©Shutterstock-Titelbild: Maryna Amediieva-#01: Sentavio -#02:  Ihnatovich Maryia _

Über 

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.