{"id":3885,"date":"2018-08-06T08:00:57","date_gmt":"2018-08-06T06:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.doppelklicker.de\/blog\/?p=3885"},"modified":"2018-08-02T16:45:58","modified_gmt":"2018-08-02T14:45:58","slug":"gemeinnuetzigkeitsrecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.doppelklicker.de\/blog\/gemeinnuetzigkeitsrecht\/","title":{"rendered":"Gemeinn\u00fctzigkeitsrecht auf dem Pr\u00fcfstand!"},"content":{"rendered":"<p>Eine repr\u00e4sentative Studie zum Gemeinn\u00fctzigkeitsrecht hat Aufsehen erregt: Je nachdem, welches Finanzamt f\u00fcr die Bearbeitung zust\u00e4ndig ist, liegt die Anerkennungsquote bei nur rund 50 Prozent. Diese Rechtsunsicherheit muss enden, meinen die Verb\u00e4nde.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Finanzamtsstudie zum Gemeinn\u00fctzigkeitsrecht zeigt keine einheitlichen Entscheidungen<\/h2>\n<p>Die Allianz \u201eRechtssicherheit f\u00fcr politische Willensbildung\u201c ist ein Zusammenschluss von mehr als 80 Vereinen und Stiftungen, die gemeinsam mit der Otto Brenner Stiftung der Frage nachging, wie die Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr eine gemeinn\u00fctzige Anerkennung bei den verschiedenen Finanz\u00e4mtern angelegt werden. Dabei wurde ein Gro\u00dfteil aller Finanz\u00e4mter angeschrieben, um die Voraussetzungen f\u00fcr die Anerkennung von Satzungen nach dem Gemeinn\u00fctzigkeitsrecht zu pr\u00fcfen. Alle erhielten identische Satzungen, doch das Ergebnis war wenig einheitlich: Etwa die H\u00e4lfte der Antworten fiel positiv aus, die andere H\u00e4lfte nicht. So gesehen gleicht die gemeinn\u00fctzige Anerkennung einer Stiftung oder eines Vereins einem Roulettespiel, denn es scheint Gl\u00fcckssache zu sein, bei welchem Finanzbeamten man Geh\u00f6r findet und bei welchem nicht.<\/p>\n<p>Dieses Ergebnis ist besorgniserregend und frustrierend f\u00fcr alle, die einen gemeinn\u00fctzigen Verein gr\u00fcnden m\u00f6chten, denn wenn schon die Gr\u00fcndung auf derartige Schwierigkeiten st\u00f6\u00dft, ist der Sinn und Zweck des Gemeinn\u00fctzigkeitsrechts auf den Kopf gestellt. Eigentlich soll es dazu dienen, zivilrechtliches Engagement steuerrechtlich zu f\u00f6rdern und rechtlich zu sichern. Daher fordern die Verb\u00e4nde, die die Studie durchgef\u00fchrt haben, nun eine deutliche und schnelle Reaktion der Politik.<\/p>\n<h2>Video: Imagefilm der Otto Brenner Stiftung<\/h2>\n<p><iframe src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/7nTM8bmUqr4\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<h2>Die Politik ist gefragt, das Gemeinn\u00fctzigkeitsrecht zu verbessern<\/h2>\n<p>Tats\u00e4chlich haben die Parteien der Regierung in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, das Gemeinn\u00fctzigkeitsrecht zu verbessern und zu entb\u00fcrokratisieren. Die SPD versprach in ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2017 sogar, das Gesetz den Anforderungen an zivilgesellschaftliche Organisationen anzupassen. Was letztlich dabei herauskommen wird, steht jedoch in den Sternen. Doch was sagt die Studie eigentlich genau aus? Werfen wir einen Blick darauf. F\u00fcr die Studie wurden von den Testern drei Vereine erdacht, die politische Einflussnahme zur F\u00f6rderung der Allgemeinheit zum Ziel haben. Die jeweiligen Satzungen wurden an jeweils ein Drittel der zust\u00e4ndigen Finanz\u00e4mter gesendet.<\/p>\n<p>Gepr\u00fcft werden sollten die Voraussetzungen f\u00fcr die Anerkennung nach dem Gemeinn\u00fctzigkeitsrecht. Die Studie konnte jedoch nicht vollst\u00e4ndig durchgef\u00fchrt werden, da nach Eingang von 166 Antworten das Bundesfinanzministerium Wind von der Sache bekam und Weisung erging, die Anfragen nicht mehr zu bearbeiten. Bis dahin ergab sich jedoch ein deutliches Bild, das anhand der eingegangenen Stellungnahmen auch als repr\u00e4sentativ gelten kann.<\/p>\n<div id=\"attachment_3900\" style=\"width: 808px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.doppelklicker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Gemeinnuetzigkeitsrecht-der-Kampf-gegen-Diskriminierung.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3900\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3900\" src=\"https:\/\/www.doppelklicker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Gemeinnuetzigkeitsrecht-der-Kampf-gegen-Diskriminierung.jpg\" alt=\"Farbiges Deutschland: Verein, der sich gegen die Diskriminierung von B\u00fcrgern und B\u00fcrgerinnen einsetzt, die aufgrund ihrer Hautfarbe benachteiligt werden. (#02)\" width=\"798\" height=\"454\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3900\" class=\"wp-caption-text\">Farbiges Deutschland: Verein, der sich gegen die Diskriminierung von B\u00fcrgern und B\u00fcrgerinnen einsetzt, die aufgrund ihrer Hautfarbe benachteiligt werden. (#02)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei den drei fiktiven Vereinen, die den steuerbeg\u00fcnstigten Status nach dem Gemeinn\u00fctzigkeitsrecht haben wollten, handelte es sich um Organisationen, die unter den folgenden Bezeichnungen auftraten:<\/p>\n<ul>\n<li>Musik ist Leitkultur: Verein zur F\u00f6rderung von Kunst und Kultur, langfristiges Ziel ist ein Bundesgesetz zur Finanzierung von Musikschulen<\/li>\n<li>Europ\u00e4ische Demokraten: Ein Verein, der sich f\u00fcr die freiheitlich-demokratische Grundordnung einsetzt und die EU nach dem f\u00f6deralen Vorbild der Bundesrepublik Deutschland umgestalten m\u00f6chte<\/li>\n<li>Farbiges Deutschland: Verein, der sich gegen die Diskriminierung von B\u00fcrgern und B\u00fcrgerinnen einsetzt, die aufgrund ihrer Hautfarbe benachteiligt werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Von insgesamt 166 Antworten, die von den Finanz\u00e4mtern verschickt wurden, fielen 89 Antworten positiv aus. Das entspricht einer Anerkennungsquote von 54 Prozent. Auf die verschiedenen Vereine bezogen, erhielt der Verein \u201eFarbiges Deutschland\u201c mit 42 Prozent (entspricht 22 Zusagen) die niedrigste Anerkennungsquote. Es folgt mit 48 Prozent (29 Zusagen) \u201eMusik ist Leitkultur\u201c und mit immerhin 70 Prozent (38 Zusagen) schneidet der Verein \u201eEurop\u00e4ische Demokraten\u201c am besten ab. Bei den Begr\u00fcndungen f\u00fcr die Ablehnungen waren sich die Finanz\u00e4mter nicht einig, was insofern nicht \u00fcberrascht, als die Abgabenordnung und der Anwendungserlass in Sachen Gemeinn\u00fctzigkeitsrecht alles andere als einheitlich sind.<\/p>\n<p>Die Verb\u00e4nde, welche die Studie durchgef\u00fchrt haben, gehen davon aus, dass eine eindeutigere Erlasslage und die Vereinheitlichung der Abgabenordnung zu einer 90-prozentigen \u00dcbereinstimmung der Entscheidungen von Finanz\u00e4mtern f\u00fchren w\u00fcrde. Die genauen Ergebnisse und Schlussfolgerungen der Studie kann man in einem Arbeitspapier des Bundesnetzwerks B\u00fcrgerschaftliches Engagement (BBE) nachlesen (Link: http:\/\/www.b-b-e.de\/fileadmin\/inhalte\/PDF\/publikationen\/bbe-reihe-arbeitspapiere-005.pdf\/ ).<\/p>\n<h2>Video: K\u00f6lner Tage Gemeinn\u00fctzigkeitsrecht \u2013 Informationen und Erfahrungsaustausch auf h\u00f6chstem Niveau<\/h2>\n<p><iframe src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/rGvlCgzKTSI\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<h2>H\u00fcrden bei der satzungsm\u00e4\u00dfigen Anerkennung k\u00f6nnen verunsichern<\/h2>\n<p>Die an der Studie beteiligten Verb\u00e4nde kritisieren vor allem, dass durch die Unterschiede bei den Entscheidungen der Finanz\u00e4mter eine gro\u00dfe Rechtsunsicherheit entsteht. Doch worum geht es eigentlich genau beim Gemeinn\u00fctzigkeitsrecht? Sinn und Zweck ist es, steuerbeg\u00fcnstigten Vereinen, Stiftungen und \u00e4hnlichen Organisationen das zivilgesellschaftliche Engagement zu erleichtern. Ma\u00dfgeblich f\u00fcr die Anerkennung ist unter anderem die Satzung eines Vereins, \u00fcber deren Tauglichkeit f\u00fcr die Gemeinn\u00fctzigkeit das Finanzamt entscheiden muss.<\/p>\n<p>Klar ist, dass nicht jeder diesen Status bekommen kann, denn wer keine gemeinn\u00fctzigen Zwecke verfolgt, muss seine Einnahmen ganz normal nach den \u00fcblichen Rechtsvorschriften versteuern. Ob solche Zwecke vorliegen, entscheidet am Ende der Finanzbeamte, der mit der Pr\u00fcfung des Falls betraut ist. H\u00e4ufig sind Vereine mit dem Schreiben einer passenden Satzung \u00fcberfordert, weil sie sich aus Menschen zusammensetzen, die vor allem ein besonderes zivilgesellschaftliches Anliegen haben und sich im Gemeinn\u00fctzigkeitsrecht nicht sonderlich gut auskennen. Eine Wirtschaftspr\u00fcfungsgesellschaft einzuschalten, kann Sinn machen, bevor man dem Finanzamt einen Antrag auf Anerkennung \u00fcbermittelt. Die Beauftragung einer Wirtschaftspr\u00fcfungsgesellschaft ist allerdings mit Kosten verbunden, die sich vor allem kleinere Vereine kaum leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es sollte auch eigentlich Sache der Finanzbeh\u00f6rden sein, B\u00fcrger beim Verfolgen des zivilgesellschaftlichen Engagements zu unterst\u00fctzen. Nach Vorlage der Finanzamtsstudie scheint es aber eher so zu sein, dass jedes Finanzamt nach eigenen Vorstellungen die Rechtsvorschriften zur Gemeinn\u00fctzigkeit anwendet. Je nach Wohnort kann es also vom Zufall abh\u00e4ngen, ob man mit der satzungsm\u00e4\u00dfigen Definition der gemeinn\u00fctzigen Vereinst\u00e4tigkeit anerkannt wird oder nicht. F\u00fcr die Vereine und Stiftungen ist es aber ungemein wichtig, durch die Vorteile der Anerkennung entlastet zu werden. Steuerbeg\u00fcnstigten Organisationen stehen h\u00e4ufig die Wege zu staatlichen und privaten F\u00f6rdermitteln offen und auch die Besch\u00e4ftigung von Mitarbeitern ist in gro\u00dfem Ma\u00dfe (zumindest steuerlich gesehen) von der Anerkennung nach dem Gemeinn\u00fctzigkeitsrecht abh\u00e4ngig.<\/p>\n<h2>Video: Gemeinn\u00fctzigkeitsrecht &#8211; 14.07.2016 &#8211; 80. Plenarsitzung<\/h2>\n<p><iframe src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/tf54gwaupuQ\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n<h2>Forderungen an die Politik<\/h2>\n<p>Der Autor der Finanzamtsstudie, Stefan Diefenbach-Trommer, der gleichzeitig der Allianz \u201eRechtssicherheit f\u00fcr politische Willensbildung\u201c vorsteht, verlangt von der Politik und der Gesellschaft, nicht nur von Demokratief\u00f6rderung und vom Engagement f\u00fcr Grundwerte zu reden, sondern es den B\u00fcrgern auch deutlich einfacher zu machen, sich zu engagieren. W\u00e4hrend die Politiker regelm\u00e4\u00dfig dazu aufriefen, sich politisch f\u00fcr die Demokratie und das Gemeinwohl einzusetzen, st\u00fcnden ebendiesem Engagement oft sehr hohe gesetzliche H\u00fcrden entgegen. Es sei Aufgabe des Bundestags als Gesetzgeber, diesen Widerspruch f\u00fcr gemeinn\u00fctzige Organisationen m\u00f6glichst schnell aufzul\u00f6sen. Hierf\u00fcr sei eine klare und deutliche Abgabenordnung notwendig, die den Finanz\u00e4mtern eindeutige Entscheidungsgrundlagen liefere, so Diefenbach-Trommer.<\/p>\n<p>Die Finanzbeamten erhielten dadurch mehr Klarheit und viele Abl\u00e4ufe k\u00f6nnten beschleunigt werden. Dar\u00fcber hinaus w\u00fcrden zahllose Initiativen nicht gleich bei der Gr\u00fcndung durch rechtliche H\u00fcrden ausgebremst. Die Auswirkungen auf die Motivation von Menschen, die sich auf diese Weise vom Staat alleine gelassen f\u00fchlen, sollte nicht untersch\u00e4tzt werden. Tats\u00e4chlich gibt es laut Diefenbach-Trommer viele Menschen, die dazu bereit sind, sich selbstlos politisch zu engagieren \u2013 auch au\u00dferhalb der Parteien. Dieses Engagement durch einen klaren Rechtsrahmen anzuerkennen, m\u00fcsse die neue Bundesregierung z\u00fcgig umsetzen, so die Forderung.<\/p>\n<div id=\"attachment_3898\" style=\"width: 809px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.doppelklicker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Gemeinsnuetzigkeitsrecht-Antrag-aus-dem-Finanzamt-stellen.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3898\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3898\" src=\"https:\/\/www.doppelklicker.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Gemeinsnuetzigkeitsrecht-Antrag-aus-dem-Finanzamt-stellen.jpg\" alt=\"Die Regeln dazu, wer gemeinn\u00fctzig arbeitet und wer nicht, sollten aber nicht von jedem Finanzamt separat interpretiert werden k\u00f6nnen, sondern nach klaren Vorgaben des Gesetzgebers (also des Parlaments) gestaltet sein.(#01)\" width=\"799\" height=\"468\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3898\" class=\"wp-caption-text\">Die Regeln dazu, wer gemeinn\u00fctzig arbeitet und wer nicht, sollten aber nicht von jedem Finanzamt separat interpretiert werden k\u00f6nnen, sondern nach klaren Vorgaben des Gesetzgebers (also des Parlaments) gestaltet sein.(#01)<\/p><\/div>\n<h2>Die Regeln zur Gemeinn\u00fctzigkeit m\u00fcssen klar definiert sein<\/h2>\n<p>Tats\u00e4chlich werden immer wieder F\u00e4lle von Initiativen bekannt, die dem gesunden Menschenverstand zufolge selbstverst\u00e4ndlich gemeinn\u00fctzig sind, von den Finanz\u00e4mtern aber nicht anerkannt werden. Gleichwohl bleibt es wichtig, die Voraussetzungen in klare Regeln zu fassen, dar\u00fcber herrscht auch bei den Betreibern der Studie keinerlei Zweifel. Schlie\u00dflich muss verhindert werden, dass zwielichtige Organisationen unter dem Deckmantel der gemeinn\u00fctzigen Arbeit ihre Einnahmen nicht versteuern und eigene S\u00fcppchen kochen, die manchmal sogar das Gegenteil dessen darstellen, was vom Gesetzgeber gewollt ist.<\/p>\n<p>Die Regeln dazu, wer gemeinn\u00fctzig arbeitet und wer nicht, sollten aber nicht von jedem Finanzamt separat interpretiert werden k\u00f6nnen, sondern nach klaren Vorgaben des Gesetzgebers (also des Parlaments) gestaltet sein. Ansonsten macht sich eine ungute Rechtsunsicherheit breit, bei der die Menschen den Glauben in den Sinn des zivilgesellschaftlichen Engagements verlieren k\u00f6nnten.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Bildnachweis:\u00a9Shutterstock-Titelbild: Alexander Raths -#01: RossHelen-#02: Prazis Images _<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine repr\u00e4sentative Studie zum Gemeinn\u00fctzigkeitsrecht hat Aufsehen erregt: Je nachdem, welches Finanzamt f\u00fcr die Bearbeitung zust\u00e4ndig ist, liegt die Anerkennungsquote bei nur rund 50 Prozent. 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