Erbsbär und Zampern verkörpern lebendige Dorfbräuche im ostdeutschen Karneval

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Im ostdeutschen Karneval bildet die Laienkultur das Fundament: Ehrenamtliche Konzeption und handwerkliches Geschick prägen Reden, Tänze und Festwagen gleichermaßen. Seit der DDR-Zeit entwickelten sich subversive Inhalte hinter Zensurkontrollen, sodass lokale Gruppen Satire und Gesellschaftskritik verschlüsselt anboten. Traditionelle Gestalten wie der Erbsbär in Thüringen und das Zampern in der Lausitz sind bis heute zentrale Elemente. Die aktuelle Bewerbung zum immateriellen Kulturerbe verfolgt das Ziel, den Fortbestand dieser bewahrten Volkskunst zu sichern.

Zweiteiligen Gründungswellen prägten Ostvereine in den frühen fünfziger Jahren

Schon vor Gründung der DDR existierte im Osten Deutschlands ein lebendiger Karneval, der in historischen Siedlungen wie Wasungen verwurzelt ist. Während der fünfziger und siebziger Jahre entstanden zahlreiche neue Karnevalsvereine in einer staatlich organisierten Form, doch jahrhundertealte Feierstätten behaupten ihre Tradition ununterbrochen. Dort pflegen Bewohner Maskenschnitzereien, Musikstücke und Festzüge, deren Motive auf mittelalterliche Winterbräuche und höfische Maskenspiele zurückgehen und bis heute authentisch praktiziert werden sowie regionale Bräuche und unverwechselbare Lebensfreude.

Laien fertigen heute Reden, Tänze und Festwagen ohne Profis

Unter der DDR-Herrschaft galten Büttenreden und närrische Darbietungen als zensurpflichtig und mussten den Behörden vorgelegt werden, bevor sie aufgeführt wurden. Als Reaktion auf diese Einschränkungen entwickelten Karnevalisten einen raffinierten Stil, der Kritik und Ironie geschickt zwischen harmlose Phrasen einbettete. Heute engagieren sich viele Laienvereine ehrenamtlich: Sie schreiben satirische Reden, üben Tänze ein und bauen aufwändige Festwagen. Dieser Stil bleibt kreativ.

Strohverkleideter Erbsbär reist jährlich durch Dorf und sammelt Spenden

In ländlichen Gebieten Thüringens und Sachsen-Anhalts symbolisiert der Erbsbär eine traditionelle Figurenprägung. Eine Person kleidet sich vollständig in Stroh und zieht einzeln durch Ortschaften, um im Verlauf des Brauchtumsrituals Lebensmittel und Münzspenden zu erhalten. Parallel existiert in der Oberlausitz das Zampern, bei dem mehrere Teilnehmer in Gruppen organisiert von Hof zu Hof ziehen und Speck, Eier oder Schnaps für gemeinschaftliche Veranstaltungen sammeln zur Unterstützung der Gemeinde sowie zur Pflege Tradition.

Masken- und Tanzfeste am Hof prägen Karnevalstradition seit Jahrhunderten

Archivalische Quellen datieren auf das Jahr 1391 und erwähnen den „Unweisen Rat“ im thüringischen Königsee als früheste Form einer Fastnachtssitzung. Zudem existiert eine Rechnung aus dem Jahr 1524, die den Ausschank eines Bierfasses in Wasungen bestätigt. Die Wurzeln dieses Brauchtums liegen in heidnischen Ritualen, die den Winter austreiben sollten, und wandelten sich im Spätmittelalter zu prächtigen Masken- und Tanzveranstaltungen an den Höfen von Dresden, Weimar und Gotha. Eine Tradition entstand.

Thüringer Vereine leiten Antrag zum bundesweiten Erbe-Verzeichnis fristgerecht weiter

Im vergangenen Oktober haben fünf Karnevalsverbände aus den östlichen Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg inklusive Berlin sowie Mecklenburg-Vorpommern gemeinsam einen Antrag auf Anerkennung als immaterielles Kulturerbe gestellt. Die Thüringer Verbände übergaben die vollständigen Unterlagen termingerecht an das zuständige Kulturministerium, das den Antrag anschließend in das bundesweite Verzeichnis für immaterielle Kulturgüter einleitet. Die Prüfung kann bis zu zwei Jahren dauern, ehe das Ergebnis offiziell bekanntgegeben wird und mögliche Rückfragen berücksichtigt werden.

Diese ostdeutsche Karnevalskultur vereint historische Ursprünge, kreative Laienprojekte und fest verwurzelte Dorfgemeinschaften. In zahlreichen Karnevalsvereinen entstehen in mühevoller Eigenarbeit satirische Reden, fantasievolle Kostüme und kunstvoll gestaltete Umzugswagen. Ursprünglich aus mittelalterlichen Winteraustreibungsritualen und höfischen Maskentänzen entstanden, lebt der Brauch in ländlichen Regionen fort. Mit der Bewerbung zum immateriellen Kulturerbe hoffen die Akteure, Sichtbarkeit zu erhöhen, Identitätsbewusstsein zu stärken und den kulturellen Dialog zu intensivieren. Sie fördern generationenübergreifende Teilhabe und aktive Nachwuchsarbeit.

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