Posted on 22. Aug 2018 in Finanzen | Keine Kommentare

Das grenzenlose Europa ist insbesondere für viele jüngere Menschen nicht nur im Urlaub interessant. Leben und Arbeiten bei den französischen Nachbarn ist inzwischen längst mehr als nur eine Nische. Wie sehen Löhne, Gehälter und Steuern dort aus?

Frankreich ist sehr beliebt bei deutschen Auswanderern

Deutschland und Frankreich gelten als Motor der europäischen Einigung. Die beiden Nachbarländer sind seit Gründung der damaligen Europäischen Gemeinschaft immer Vorreiter der Verständigung gewesen und es gelang den nachwachsenden Generationen, was den Vorvätern versagt blieb: Statt regelmäßig gegeneinander Krieg zu führen, war endlich ein Miteinander möglich. Kein Wunder, dass viele Deutsche 2017 angesichts des Brexit in Großbritannien mit Besorgnis auf den Ausgang der französischen Wahlen geblickt haben. Doch mit dem überwältigenden Sieg von Macron erhielt der europäische Gedanke erneut Auftrieb. Grund genug, einen genaueren Blick auf die Möglichkeiten zum Arbeiten und Leben im beliebtesten Nachbarland der Deutschen zu werfen.

Immerhin garantiert die EU allen Bürgern Freizügigkeit, man kann also den Lebens- und Arbeitsmittelpunkt mehr oder weniger frei auswählen. Insbesondere seit der Einführung des Euro ist dies in den an der gemeinsamen Währung beteiligten Nationen relativ unkompliziert. Allerdings gehört mehr dazu als eine gemeinsame Währung und der zollfreie Warenverkehr. Unterschiede im Steuer- und Arbeitsrecht gelten nach wie vor und müssen daher bedacht werden, wenn man sich mit dem Gedanken trägt, in Frankreich zu leben und einer Arbeit nachzugehen.

Frankreich belegt auf der Rangfolge der größten Volkswirtschaften derzeit Rang 6, also zwei Ränge hinter Deutschland. (#01)

Frankreich belegt auf der Rangfolge der größten Volkswirtschaften derzeit Rang 6, also zwei Ränge hinter Deutschland. (#01)

Niedrigeres Durchschnittseinkommen, aber geringere Arbeitskosten

Frankreich belegt auf der Rangfolge der größten Volkswirtschaften derzeit Rang 6, also zwei Ränge hinter Deutschland. Besonders wichtig sind für die französische Wirtschaft der Dienstleistungssektor sowie die verarbeitende Industrie. Bauwirtschaft und Handel sind weitere wichtige Pfeiler der französischen Wirtschaft. Derzeit leben momentan gut 90.000 Deutsche im Nachbarland und sind natürlich zum großen Teil auch berufstätig.

Das Durchschnittseinkommen liegt bei etwa 37.000 Euro brutto jährlich, was einem monatlichen Bruttogehalt von 3083 Euro entspricht. Damit liegt es deutlich unter dem deutschen Durchschnittsgehalt von 4.846 Euro monatlich (gut 58.000 Euro jährlich), doch der erste Eindruck täuscht. Die Steuerlast ist in Frankreich nämlich um einiges geringer als in Deutschland und im Gegensatz zu deutschen Einkommen wird der Bruttolohn dort normalerweise nach Abzug der Sozialabgaben ausgezahlt. Die Einkommenssteuer wird dagegen nicht direkt einbehalten. Die Lohnnebenkosten sind insgesamt etwas anders aufgeteilt als in Deutschland.

In Frankreich zahlen Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Verhältnis 40-45 % zu 20-25 % die Abgaben für die Sozialversicherung. Diese Beträge werden direkt vom Arbeitgeber abgeführt, der Rest wird komplett als Bruttolohn (also vor Steuern!) ausgezahlt.

Die Sozialabgaben setzen sich folgendermaßen zusammen:

  • Krankenversicherung: 0,75 bis 2,25 %
  • Altersversicherung (Rente): 0,1 %
  • Hinterbliebenenversicherung: 2,4 %
  • Arbeitslosenversicherung: 3 bis 8 %
  • Fonds für Frühverrentungen: 0,8 bis 0,9 %
  • Zusatzrenten, je nach Einkommen bis zu 20,3 %

An dieser Aufstellung ist zu erkennen, dass das französische Sozialsystem anders funktioniert als in Deutschland. Vor allem die geringeren Abzüge bei den Lohnnebenkosten für Krankenversicherung und Rente fallen ins Gewicht. Die für Löhne und Gehälter fällige Einkommensteuer wird wie gesagt nicht direkt vom Arbeitgeber abgeführt.

In Deutschland führen Arbeitgeber die Einkommensteuer für Löhne und Gehälter direkt ans Finanzamt ab, zu viel gezahlte Beträge kann sich der Steuerpflichtige über den Lohnsteuerjahresausgleich zurückholen.

In Deutschland führen Arbeitgeber die Einkommensteuer für Löhne und Gehälter direkt ans Finanzamt ab, zu viel gezahlte Beträge kann sich der Steuerpflichtige über den Lohnsteuerjahresausgleich zurückholen.(#02)

Das Steuersystem Frankreichs unterscheidet sich stark vom deutschen Pendant

In Deutschland führen Arbeitgeber die Einkommensteuer für Löhne und Gehälter direkt ans Finanzamt ab, zu viel gezahlte Beträge kann sich der Steuerpflichtige über den Lohnsteuerjahresausgleich zurückholen. Da in Frankreich Gehälter und Löhne nach Abzug der Sozialabgaben brutto ausgezahlt werden, muss man die Steuern gesondert abführen. Hierzu ist anzumerken, dass die Einkommen wesentlich niedriger besteuert werden als in Deutschland, was die niedrigeren Durchschnittseinkommen weiter relativiert.

Nach dem ersten Jahr der Arbeitsaufnahme bei einem Arbeitgeber müssen Arbeitnehmer eine Einkommensteuererklärung für ihre Löhne und Gehälter abgeben, bei der die Steuer dann für das gesamte Jahr nachgezahlt wird. Danach werden alle drei Monate Einkommensteuervorauszahlungen an das Finanzamt geleistet, was es in Deutschland so nur für Selbstständige gibt. Die Höhe, mit der Gehälter und Löhne in Frankreich besteuert werden, variiert zwischen einem und drei Monatsgehältern (mit Ausreißern nach oben und unten, je nach Einkommenshöhe). Außerdem wird jeden Monat eine Sozialsteuer fällig, die 7,5 % ausmacht, allerdings nur von 97 % des Bruttogehalts berechnet wird.

Nicht zu vergessen ist die Wohnsteuer, die je nach Wohnort veranschlagt wird – es gibt durchaus Gegenden, in denen man als Arbeitnehmer Steuern sparen kann. Für Unternehmen sind die Arbeitskosten also ebenfalls geringer als in Deutschland.

In Deutschland führen Arbeitgeber die Einkommensteuer für Löhne und Gehälter direkt ans Finanzamt ab, zu viel gezahlte Beträge kann sich der Steuerpflichtige über den Lohnsteuerjahresausgleich zurückholen. Da in Frankreich Gehälter und Löhne nach Abzug der Sozialabgaben brutto ausgezahlt werden, muss man die Steuern gesondert abführen. (#02)

In Deutschland führen Arbeitgeber die Einkommensteuer für Löhne und Gehälter direkt ans Finanzamt ab, zu viel gezahlte Beträge kann sich der Steuerpflichtige über den Lohnsteuerjahresausgleich zurückholen. Da in Frankreich Gehälter und Löhne nach Abzug der Sozialabgaben brutto ausgezahlt werden, muss man die Steuern gesondert abführen. (#03)

Krankenversicherung und Rente

Neben den Arbeitskosten gibt es bei den Themen Krankenkasse und Rente in Frankreich weitere Unterschiede zum deutschen System. Etwa 80 Prozent der französischen Arbeitnehmer sind über das sogenannte Régime général versichert, das die Bereiche Handel, Industrie und Dienstleistungssektor abdeckt. Beschäftigte in landwirtschaftlichen Betrieben, Freiberufler sowie Seeleute und Eisenbahner haben eigene Krankenkassen, die anders als in Deutschland unter anderem über die Sozialsteuer mitfinanziert werden.

Eine wachsende Bedeutung hat außerdem die ergänzende Absicherung über private Zusatzversicherungen. Das aktuelle Renteneintrittsalter liegt in Frankreich momentan bei 62 Jahren. In der Realität gehen die Franzosen aber oft später in Rente, weil die Beitragsdauer für den Renteneintritt entscheidend ist. Realistisch ist der Rentenbeginn derzeit zwischen 62 und 67 Jahren. Allerdings gehen manche auch schon mit 60 Jahren in Rente, sofern sie sehr früh ins Arbeitsleben gestartet sind.

Gesetzlicher Mindestlohn gilt in Frankreich bereits seit den 50ern

Die hitzigen Diskussionen über einen gesetzlichen Mindestlohn, die in Deutschland noch immer geführt werden, kennt man in Frankreich nicht, denn hier gilt eine solche Regelung bereits seit 1950. Im Jahr 2017 betrug der Mindestsatz pro Stunde für Löhne und Gehälter 9,76 Euro. Auch bei der Probezeit fahren die Franzosen entspannter, denn sie darf maximal zwei Monate betragen (bei leitenden Angestellten bis zu vier Monate). Die arbeitnehmerfreundliche Tradition der französischen Politik erkennt man nicht nur an den zahlreichen arbeitnehmerfreundlichen Gesetzen, sondern auch an den sehr großzügigen Tarifverträgen. Allerdings haben Streiks und der rigorose Arbeitskampf ebenfalls eine lange Tradition im Nachbarland. Obwohl das sehr gut klingt, leben die Franzosen nicht in einem Arbeitnehmerparadies, denn das Gesamtniveau der Löhne und Gehälter verharrt seit Jahren auf dem gleichen Level.

Auffällig ist dabei das Gefälle zwischen Paris und den sonstigen Regionen Frankreichs. Je näher man der Hauptstadt kommt, desto höher sind die Löhne und Gehälter. Aber natürlich sind dort die Lebenshaltungskosten ebenfalls entsprechend höher, nicht zuletzt gilt Paris als eine der teuersten Städte in der ganzen Welt. Sieht man von diesem besonders teuren Pflaster ab, lassen sich die Mieten mit dem deutschen Niveau ganz gut vergleichen, so wie die restlichen Lebenshaltungskosten auch. Nur für Lebensmittel bezahlen Franzosen durchschnittlich etwas mehr als in Deutschland üblich, aber der hochwertige Genuss ist dort ja auch quasi in die Verfassung geschrieben.

 

Wer sich mit dem Gedanken trägt, seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt nach Frankreich zu verlegen, muss sich in der Regel auch mit dem Schulsystem beschäftigen. Entweder, wenn man selbst dort studieren möchte oder später eigene Kinder hat. (#04)

Wer sich mit dem Gedanken trägt, seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt nach Frankreich zu verlegen, muss sich in der Regel auch mit dem Schulsystem beschäftigen. Entweder, wenn man selbst dort studieren möchte oder später eigene Kinder hat. (#04)

Wer sich mit dem Gedanken trägt, seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt nach Frankreich zu verlegen, muss sich in der Regel auch mit dem Schulsystem beschäftigen. Entweder, wenn man selbst dort studieren möchte oder später eigene Kinder hat. (#04)

Das Schulsystem ist weitgehend zentralisiert

Wer sich mit dem Gedanken trägt, seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt nach Frankreich zu verlegen, muss sich in der Regel auch mit dem Schulsystem beschäftigen. Entweder, wenn man selbst dort studieren möchte oder später eigene Kinder hat. Universitäten sind grundsätzlich kostenfrei, es fällt lediglich eine kleine Einschreibegebühr zu Studienbeginn an. Das Schulsystem war in Frankreich lange Zeit komplett zentralisiert (im Gegensatz zum föderalen System in Deutschland), was momentan aber nicht mehr für alle Universitäten gilt. Diese werden immer öfter von den verschiedenen Regionen verwaltet. Die Regelschulen sind hingegen weiterhin zentralisiert geregelt. Die Schulpflicht beginnt im Alter von 6 Jahren, wobei viele Franzosen ihre Kinder zuvor in eine Vorschule schicken.

Die Grundschule dauert nicht vier, sondern fünf Jahre und wird vom sogenannten Collège gefolgt. Nach weiteren vier Jahren ist ein Abschluss mit der mittleren Reife (Brevet) möglich. Ein Abgang ist für Schüler ab 16 Jahren unabhängig vom Abschluss möglich. Darüber rangiert das Gymnasium, das verschiedene Möglichkeiten für das Abitur bietet. Hier besteht Verwechslungsgefahr, denn der Begriff „Baccalauréat“ ist nicht mit dem Bachelor an den Universitäten gleichzusetzen.

Fazit: Gute Chancen in vielen Branchen: Wenn die Ausbildung stimmt

Chancen auf gute Löhne und Gehälter hat man in Frankreich vor allem in den Dienstleistungsbranchen sowie im Tourismus. Dank einer sehr aktiven Luftfahrtindustrie, die durch die Unternehmen Airbus und Eurocopter sowie die eigenständige militärische Flugzeugproduktion gefördert wird, haben Arbeitnehmer in diesem Bereich sehr gute Berufschancen. Auch die Automobilindustrie spielt für die französische Wirtschaft nach wie vor eine große Rolle. Die Energiewirtschaft, die in unserem Nachbarland noch immer in erster Linie auf die Atomkraft setzt, sucht ebenfalls immer wieder qualifiziertes Personal.

Sehr gefragt sind aktuell außerdem Arbeitskräfte für sämtliche Dienstleistungsbranchen sowie Lehrer, Erzieher und Krankenpflegekräfte. Die Qualität der Ausbildung ist für die Chance auf einen Job sehr wichtig, denn bei einer Arbeitslosenquote von derzeit knapp 10 Prozent sind die Arbeitgeber wählerisch. Immerhin ermöglichen die ganztägige Kinderbetreuung und eine vergleichsweise niedrige Wochenarbeitszeit eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Kindererziehung.


Bildnachweis:©Shutterstock-Titelbild: Elnur-#01: The Art of Pics -#02:  Indypendenz-#03: Syda Productions  -#04: Syda Productions

Über 

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.