Posted on 9. Jul 2018 in Top | Keine Kommentare

Schon fast zwei Jahrzehnte ist es her, dass der Untergang der Kursk Schlagzeilen machte. Bis heute bleiben viele Rätsel ungelöst. Am meisten beschäftigt die Hinterbliebenen die Frage, ob die Mannschaft eine Überlebenschance hatte, die durch das Zögern der Regierung vertan wurde.

Zwei Explosionen erschütterten die Kursk während einer Übung

Am 12. August 2000 fand in der Barentssee eine Übung der russischen Nordflotte statt. Zum Einsatz kamen dabei moderne Raketenkreuzer, alle möglichen Kampfschiffe und eben auch U-Boote wie die atomgetriebene Kursk. Beobachtet wurde das Manöver wie üblich von NATO-Kräften, darunter auch Schiffe und Flugzeuge der US Navy. Plötzlich erschütterten zwei Explosionen die See, die in Norwegen als Ausschläge auf seismischen Geräten registriert wurden. Im Abstand von zwei Minuten erfolgten Detonationen, die dem Rumpf fatale Schäden zufügten. Das U-Boot sank auf eine Tiefe von rund 110 Metern auf Grund, doch zu diesem Zeitpunkt dürfte in der Kommandozentrale schon niemand mehr am Leben gewesen sein.

Tatsächlich schätzte die russische Marineführung die Lage zunächst so ein, dass die Besatzung keine Chance gehabt haben könne, doch später sollte sich herausstellen, dass einige Crewmitglieder im Heck des U-Bootes noch einige Zeit überlebt hatten, bevor ihnen die Luft ausging. Besonders tragisch ist dabei der Umstand, dass die Rettungsaktion mit starker Verzögerung durchgeführt wurde. Obwohl sie den offiziellen Vorgaben bei der Bergung havarierter U-Boote der russischen Streitkräfte entsprach, bleibt bei den Angehörigen der bittere Nachgeschmack, dass man zugunsten der Geheimhaltung Menschenleben geopfert hat. Denn es gab Angebote aus dem Ausland, unter anderem aus Norwegen und den USA, bei der Rettungsoperation behilflich zu sein. Speziell die mit Rettungs-U-Booten ausgerüsteten Amerikaner hätten vermutlich rechtzeitig vor Ort sein können, hätte die Regierung in Moskau die Hilfsangebote früher angenommen.

Video: Sekunden vor dem Unglück – Die Kursk, Tauchfahrt in den Tod

Was war die Ursache des Unglücks?

Die Öffentlichkeit erfuhr erst am 14. August überhaupt von dem Unglück. Viele Angehörige fielen buchstäblich aus allen Wolken, als ihnen klar wurde, dass die Kursk Opfer eines Unglücks geworden war. Über die Ursache wurde besonders viel spekuliert und bis heute gibt es unterschiedliche Varianten der Erklärung, von denen einige als wahrscheinlicher gelten als andere. Sehr schnell versuchte Moskau, die Schuld auf eine angebliche Kollision mit einem amerikanischen U-Boot zu schieben.

Diese Theorie kann aber mit einiger Sicherheit als falsch bezeichnet werden, da die immensen Schäden an der Außenhülle nicht von einer einfachen Kollision herrühren konnten. Sicher ist, dass es im Bereich der Torpedoanlage zu zwei Explosionen gekommen war. Grund für die erste Explosion war nach heutigem Wissensstand die Überhitzung des Antriebsmotors eines Übungstorpedos, der offenbar versehentlich zu früh gestartet wurde. Ohne die übliche Kühlung durch das Meerwasser kam es zur Überhitzung und der Leckage einer Leitung, die Wasserstoffperoxid führte.

Diese zum Treibstoff des Torpedos gehörende Chemikalie reagierte mit im Torpedo verbauten Metallen. Der dabei entstehende Gasdruck führte vermutlich zum Bersten der Torpedohülle und dem Ausbruch eines Feuers, wodurch in der Torpedosektion lagernde Sprengköpfe gezündet wurden. Die Druckwelle dieser zweiten Detonation zerstörte große Teile des U-Bootes sofort, darunter wohl auch den Kommandostand mit den Führungsoffizieren. Der Wassereinbruch ließ die Kursk in kurzer Zeit auf den Meeresgrund sinken. Eine andere mögliche Version des Unfallhergangs beinhaltet andere Wartungs- und Bedienfehler der Torpedomannschaft, welche die Explosionen herbeigeführt haben könnten.

Am 12. August 2000 fand in der Barentssee eine Übung der russischen Nordflotte statt. Zum Einsatz kamen dabei moderne Raketenkreuzer, alle möglichen Kampfschiffe und eben auch U-Boote wie die atomgetriebene Kursk. (#01)

Am 12. August 2000 fand in der Barentssee eine Übung der russischen Nordflotte statt. Zum Einsatz kamen dabei moderne Raketenkreuzer, alle möglichen Kampfschiffe und eben auch U-Boote wie die atomgetriebene Kursk. (#01)

Hätten die Überlebenden aus der Kursk gerettet werden können?

Während ein großer Teil der Besatzung vermutlich innerhalb der ersten Minuten getötet wurde, konnten sich zunächst mindestens 23 Besatzungsmitglieder in relative Sicherheit bringen. Aus der Tiefe, in der sich die Kursk inzwischen befand, konnten sie sich aber nicht ohne Hilfe von außen evakuieren. Da die Systeme des U-Bootes zur Luftreinhaltung vermutlich ausgefallen waren, versuchten die Männer, die für solche Notfälle vorgesehenen, chemischen CO2-Filter im Boot aufzuhängen. Dabei muss es zu einem weiteren Unglück gekommen sein.

Bei Wasserkontakt entwickelt das in den Filtern enthaltene Calciumoxid starke Hitze und ein ätzendes Gas, das möglicherweise zum Ausbruch eines Feuers und zum vorzeitigen Verbrauch des restlichen Sauerstoffs in der verbliebenen Atemluft führte. Dadurch verkürzte sich die mögliche Überlebenszeit natürlich weiter. Obwohl die russische Marine über Rettungs-U-Boote verfügte, kamen diese bei der Hilfeleistung zunächst nicht weiter, da ihnen wichtige Eigenschaften westlicher Rettungs-U-Boote fehlten. So waren die russischen Modelle nicht mit Rettungsschleusen ausgestattet, die an die Ausstiegsluke der Kursk gepasst hätten. Obwohl die USA, Norwegen und andere Länder immer wieder Hilfe anboten und versuchen wollten, die Ausstiegsluke der Kursk zu öffnen, lehnte die russische Regierung dies ab.

Die Marine stellte sich auf den Standpunkt, dass die Ausstiegsluke ohnehin zu stark beschädigt sei, um sie zu öffnen. Dies stellte sich später als Irrtum heraus. Erst drei Tage nach dem Unglück gelang es schließlich den Norwegern, die innere Luke der Kursk zu öffnen. Dabei wurde festgestellt, dass das Wasser mittlerweile alle Sektionen geflutet hatte und keine Überlebenden mehr an Bord sein konnten. Tragisch war die spätere Feststellung, dass direkt nach dem Unglück die besagten 23 Überlebenden im Heck des Bootes bei rechtzeitiger Einleitung einer Rettungsoperation vermutlich über die hinteren Notausstiegsluken hätten gerettet werden können. Besonderes Aufsehen erregte dabei der gefundene Brief eines Besatzungsmitglieds, der am 12. August um 15.45 Uhr verfasst wurde, also mehr als vier Stunden nach der verheerenden Explosion.

Nicht wenige Beobachter fühlten sich an die Desinformation der sowjetischen Regierung erinnert, speziell an das Reaktorunglück von Tschernobyl im Jahr 1986. (#01)

Nicht wenige Beobachter fühlten sich an die Desinformation der sowjetischen Regierung erinnert, speziell an das Reaktorunglück von Tschernobyl im Jahr 1986. (#01)

Parallelen zwischen Tschernobyl und Kursk bei der Informationspolitik

Der Tod der Besatzung der Kursk löste weltweite Trauer aus. Die russische Regierung sah sich den Vorwürfen der Hinterbliebenen ausgesetzt, mit dem Zögern die Rettung der möglichen Überlebenden verhindert zu haben, nur um die Geheimhaltung gegenüber den westlichen Ländern zu gewährleisten. Nicht wenige Beobachter fühlten sich an die Desinformation der sowjetischen Regierung erinnert, speziell an das Reaktorunglück von Tschernobyl im Jahr 1986. Auch damals wurde das eigentliche Unglück erst mit starker Verzögerung überhaupt offiziell bekanntgegeben, weil westliche Länder einen Anstieg an Radioaktivität feststellten und Satellitenbilder einen Brand im Atomkraftwerk zeigten. Westliche Hilfe wurde damals ebenso zurückgewiesen wie im Falle der Kursk.

Die offizielle Untersuchung der U-Boot-Havarie durch die russische Marine endete mit einer Schuldzuweisung an die Besatzung selbst und den Kapitän, Gennadi Ljatschin. Dessen Frau Irina wurde in westlichen Medien durch ihre Auftritte bekannt, in denen sie die Schuldzuweisungen an die Besatzung als ungerecht bezeichnete und der Regierung Fehlverhalten in der ganzen Angelegenheit vorwarf. Die Hinterbliebenen organisierten sich und forderten immer wieder Aufklärung.

Die Regierung hat die Unterlagen bei Ende der Untersuchung für einen Zeitraum von 25 Jahren verschlossen. Es wird also noch einige Jahre dauern, bis die Familien der Kursk-Besatzung vielleicht endlich mehr erfahren. Viel Hoffnung haben sie jedoch nicht, dass die Akten die volle Wahrheit enthalten werden. Über den exakten Hergang des Unglücks wird es ohnehin immer eine gewisse Unklarheit geben. Die Theorie über das amerikanische U-Boot oder die Idee, dass ein vom russischen Raketenkreuzer „Peter der Große“ abgefeuerter Flugkörper die Kursk versenkt haben könnte, gelten mithin inzwischen als widerlegt.

Video: Schlacht bei Kursk 1943

Hat die Kursk etwas in Russland verändert?

Nach dem Untergang der Kursk gab es für russische Verhältnisse sehr deutliche Kritik der Bevölkerung an der Regierung. Präsident Putin und andere Politiker sowie hohe Militärs gelobten, dass sich in Zukunft ein solcher Fall nicht wiederholen werde und sich bei der Handhabung von derartigen Unglücken etwas ändern müsse. Tatsächlich sind viele der Angehörigen der Überzeugung, dass in einem ähnlichen Fall die Regierung heute schneller reagieren und Hilfe von anderen Ländern annehmen würde. Ob das wirklich so wäre, muss hoffentlich nie unter Beweis gestellt werden.

Die Wunden sind aber nach wie vor nicht verheilt. Einige der Hinterbliebenen versuchten zeitweise, durch eine Klage vor dem Internationalen Gerichtshof in Straßburg die komplette Offenlegung der Akten zu erreichen. Diese Klagen wurden aber inzwischen wieder zurückgezogen. Immerhin konnten die meisten Angehörigen ihre Toten bestatten, etwas, das bei früheren Havarien von sowjetischen U-Booten während des Kalten Krieges nie gelungen war. Schon kurz nach dem Unglück konnten die Körper einiger Opfer geborgen werden. Das Wrack der Kursk selbst wurde im Jahr 2001 in einem aufwändigen Bergungsverfahren aus der Tiefe von 110 Meter wieder an die Oberfläche geholt.


Bildnachweis:©Shutterstock-Titelbild: ROZOVA SVETLANA   -#01: podorojniy

Über 

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.